Die Kultur der Neandertaler
Der Begriff Kultur kann wohl durchaus unterschiedlich interpretiert werden. Aber vor allem wenn man bedenkt wie noch vor 100 Jahren über den Neandertaler gedacht wurde, kann man wohl durchaus davon ausgehen, dass der Neandertaler schon viele wichtige kulturellen Merkmale errungen hatte.
Der klassische Neandertaler lebte vor 100.000 bis 30.000 Jahren. Dabei handelte es sich um eine leicht gedrungene, muskulöse und starkknochige Gestalt.
Als Jäger und Sammler war der Neandertaler abhängig von seinem Lebensraum. Als typische Werkzeuge dienten ihm vor allem Faustkeile und runde Kratzer, feinere Steinklingen und Steinschaber.
Mit viel Fingerfertigkeit wurden kleinste Steinsplitter mit Birkenpech in dazu passende Holzgriffe geschäftet. Elfenbein von Mammutstoßzähnen war der Rohstoff für verschiedene Geräte und Waffen. Mammutknochen dienten auch in der kargen Steppenlandschaft als Brennholzersatz. Dort, wo es Mammuts im Überfluss gab, dienten die Knochen auch als Baumaterial für Behausungen.
Von der Menschenart Neandertaler sind noch viele Werkzeuge und ähnliche kulturelle Zeugnisse vorhanden, die das Portrait eines Menschen zeigen, der zu besonderen Leistungen im kulturellen und sozialen Bereich befähigt war.
Ein besonderes Zeugnis aus der Urgeschichte über die menschliche Fürsorge und ein gut funktionierendes Sozialgefüge fand man in Zagreb in der Krapina-Höhle. Dort wurden die Relikte eines männlichen Neandertalers gefunden, der einen Teil seines Unterarms verloren hatte. In diesem Fall, wie auch bei verschiedenen anderen Neandertaler-Knochenfunden erkennt man an den Verletzungen die Spuren von Heilungen. Dies deutet darauf hin, dass die Neandertaler ihre Behinderten pflegten, sie dauerhaft ernährten und umsorgten, damit auch sie Überlebenschancen durch die erhaltenen Zuwendungen hatten. Auch in Shanidar, Kurdistan, wurde ein stark durch Krankheiten und Verletzungen deformiertes, männliches Skelett gefunden. Die Knochensubstanz war verändert, und Brüche wieder verheilt - trotzdem konnte der Mann mit seinen Behinderungen für längere Zeit überleben, was wahrscheinlich an der aktiven Fürsorge anderer Neandertaler lag.
Auch das Sterben und der Tod wurden von den Neandertalern nicht mit Gleichgültigkeit hingenommen. Von ihnen sind als früheste Menschenform bereits Erdbestattungen belegt worden. Dies lässt sich bezeugen durch die Entdeckung von Neandertaler-Gräbern im Nahen Osten, die aus einer Zeit stammen die rund 100.000 Jahre zurückliegt. Aus der Lage der gefundenen Skelette ließ sich ableiten, dass die Neandertaler ihre Toten zum Teil in Hockerstellung seitlich ruhend mit angewinkelten Beinen oder auf dem Rücken liegend bestatteten. Die Gräber oder natürlich entstandenen Mulden, die zur Bestattung dienten, waren nur etwa einen Meter tief.
In der französischen Dordogne, in La Ferassie wurde sogar vor einem Felsdach ein kleiner urzeitlicher Friedhof gefunden mit den sterblichen Überresten von vier Kindern und zwei Erwachsenen Neandertalern. Des Weiteren wurden bei den Ausgrabungen 9 Erdhügel in symmetrischer Anordnung entdeckt und freigelegt, von denen einer das Grab eines Neugeborenen Kindes bedeckte. Solche Bestattungsriten deuten auf bereits existierenden Götter- oder Naturglauben hin.
Bekannt ist auch das Blumengrab von Shanidar, wo man eine hohe Konzentration von Pollen buntblühender Pflanzen entdeckte, die Rückschlüsse darauf zulassen, dass der Tote auf Blumen gebettet worden war. Allerdings ist dies bis heute nicht gänzlich geklärt, da es auch Wissenschaftler gibt die vermuten, die Pollen würden aus dem Nahrungslager einer Maus o.ä. stammen.
